Eine Polizistin steht vor den Fahrzeugen eines türkischen Hochzeutskorsos. Der Konvoi war einer von dreien, den die Polizei in der Rheinmetropole am Wochenende angehalten hat.Foto: Thomas Kraus/dpa

Tradition oder Machtgehabe? – NRW im Kampf gegen Phänomen „Hochzeitskorso“ – AfD fordert Ende des „Schmusekurses“

Von 4. September 2019 Aktualisiert: 4. September 2019 18:44
Türkische Hochzeitskorsos machen derzeit in Deutschland lautstark von sich reden: Es wird herumgeballert, Autobahnen werden blockiert, Verkehrsteilnehmer gefährdet. Was in Istanbul und Ankara unmöglich wäre, in deutschen Städten ist es nicht selten. Doch die Polizei will dem einen Riegel vorschieben.

In einer Stellungnahme für eine Anhörung im Landtag von NRW wirbt der Leiter des Zentrums für Türkeistudien im Bezug auf die ausufernden Hochzeitskorsos um Verständnis für die fremde Kultur. Damit werde die sexuelle Beziehung des Paares als legitim anerkannt, was lautstark nach außen kommuniziert werde, um bösen Gerüchten zuvorzukommen, so der Experte.

Das Signal ist allerdings an die eigene Community gerichtet, nicht an die deutsche Mehrheitsgesellschaft, wie der Professor erklärt. Es handelt sich dabei nicht um bewusste Provokationen:

Diejenigen, die ihrer Freude Luft verschaffen, tun dies nicht explizit mit der Absicht, anderen zu schaden.“

(Prof. Haci-Halil Uslucan, Uni Duisburg/Essen)

Der Professor verglich dies noch mit einem gewonnen WM-Spiel und dem Übermut der Fans, zeitweilig Straßen zu Blockieren. Auch sei die Verwendung der Nationalflaggen keinen Hinweis auf eine politische Überzeugung, denn die türkischen Fahnen würden auch von Erdogan-Gegnern verwendet. Erst bei Benutzung zusätzlicher Insignien, wie etwa drei Halbmonden, wäre daraus eine politische Gesinnung abzuleiten, so Professor Uslucan.

Ob eine persönliche Angelegenheit, wie eine Hochzeit, mit einer nationalen, wie einem WM-Spiel, vergleichbar ist, ist sicher von der Blickrichtung abhängig. Für die Allgemeinheit der Gesellschaft dürfte aber die zweite Variante von größerer Bedeutung sein.

Allerdings widerspricht Professor Haci-Halil Uslucan von der Uni Duisburg und Essen mit seiner Schilderung auch einer Analyse des Landeskriminalamtes zu Hochzeitskorsos türkischer und arabischer Zuwanderer, das diese als Machtdemonstrationen ansieht, schreibt „Tag24“ dazu.

Ebenso sah es Professor Ahmet Toprak von der Fachhochschule Dortmund, der zum Thema „Türkische Hochzeiten“ sogar seine Doktorarbeit geschrieben hat. Toprak sagte gegenüber „Stern TV“ (Video unten): „Bei Hochzeitskonvois geht es natürlich darum, Aufmerksamkeit zu erzeugen und Freude auszudrücken, die Braut abzuholen.“ Allerdings sagte Toprak auch unumwunden, dass es nichts mit Traditionen zu tun habe, Autobahnen zu blockieren, sondern mit „Machtgehabe“.

Korso-Verteidiger Uslucan merkte noch an, dass die meisten der oft sehr großen Hochzeiten mit 1.000 bis 2.000 Gästen friedlich verlaufe. Bevor man zu repressiven Maßnamen greift, sollte man besser über die Gefahren aufklären, die von ausufernden Autokorsos ausgehen. Dazu sollte man für Zuwanderer geeignete Kommunikationskanäle nutzen, wie Konsulate und Migrantenvereine. Im konkreten Fall seien die Eltern des Brautpaares Ansprechpartner, die nicht nur Finanziers der kostspieligen Feiern seien, sondern auch Autoritätspersonen für die jüngeren Gäste.

Vorbeugen oder Lächerlichmachen?

Informieren tut die Polizei. Zuletzt ging sie in NRW mit Flugblättern gegen die Korsos an, versuchte auf Verständnis zu setzen und forderte die Einhaltung wichtiger Sicherheitsregeln ein. In einem Fünf-Punkte-Plan werden seit einiger Zeit Hochzeitsgesellschaften aufgefordert:

  • Halten Sie sich an die Verkehrsregeln.
  • Behindern Sie nicht den Verkehr.
  • Provozieren Sie keine Staus.
  • Zünden Sie keine Feuerwerkskörper/Pyrotechnik.
  • Führen Sie keine Waffen mit.

Die Polizisten sollen nun die Flugblätter an beliebten Hochzeits-Orten, besonders im Ruhrgebiet, auslegen.

AfD fordert: Ende von „Schmusekurs statt Strafverfolgung“

Einen völlig falschen Ansatz nannte der AfD-Landessprecher NRW, Thomas Röckmann, bereits im Juni die Flugblatt-Aktion. Er, so Röckmann, könne sich als ehemaliger Polizist vorstellen, „wie veräppelt sich die Einsatzkräfte dabei fühlen müssen.“ Für den Landtagsabgeordneten seien die türkischen Hochzeitskorsos genau das: Eine „Machtdemonstration“ und: „Das lächerliche Flugblatt dürfte den Türken als neuerlichen Beweis dienen, dass die Altparteien Angst haben, gegenüber Ausländern hart durchzugreifen.“

„Schmusekurs statt Strafverfolgung“ sei jedoch ein völlig falscher Ansatz, so der Ex-Polizist im Landtag, der wenig Verständnis für derartiges Imponiergehabe und für fremdländische Gebräuche, die unter Gefährdung Unbeteiligter exzessiv ausgelebt werden, hat:

Wer ein Hochzeitsfoto auf der Autobahn haben will, soll eines in Handschellen auf der Polizeiwache verpasst bekommen.“

(Thomas Röckmann, AfD NRW)

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Innenminister Reul will hart durchgreifen

Ähnlich, wenn auch mit anderen Worten formuliert, sah es Innenminister Herbert Reul von der CDU. Reul, der angesichts der Probleme im Bundesland eine harte Null-Toleranz-Linie gegen kriminelle Clans und andere Deliktfelder fährt, sagte laut dem „WDR1“:

Auf Autobahnen wird gefahren, nicht gefeiert. Wer meint, er könne das ignorieren oder müsse mit Schusswaffen rumballern, der bekommt es mit der Polizei zu tun und kann sogar seinen Führerschein verlieren.“

(Herbert Reul, NRW-Innenminister Herbert Reul, CDU)

Wie die „Rheinische Post“ schreibt, teilte die Polizei NRW mit, dass seit dem Beginn der Zählung der Vorfälle am 1. April 2019 bis zum 19. August zu 266 Einsätzen mit Anlass „Hochzeit“ kam, wobei in die Städte Duisburg (36), Köln (33) und Essen (22) „besonders von dem Phänomen betroffen“ waren. Autokorsos waren in 109 der Fälle Auslöser der Polizeieinsätze, wobei es sechs Mal zu einer „Vollsperrungen/Stauprovokation“ kam. In 60 Fällen meldeten Zeugen „Schussabgaben“. Laut dem Bericht des LKA-Abteilungsleiters Thomas Jungbluth für den Landtdag gehe es wohl um „übersteigerte Männlichkeitsinszenierung“.

Die Polizei versucht mit Aufklärungsarbeit vorzubeugen. Ob dabei Flugblätter an Sehenswürdigkeiten, wie von der Polizei behandhabt oder in Konsulaten und Migrantenvereinen, wie von Professor Uslucan favorisiert, die erfolgreicheren Kommunikationskanäle zu den Zuwanderern oder der türkischen Gemeinschaft sind, müsste man vielleicht ausprobieren.

Eine Frage stellt sich: Weiß die jüngere türkische Community – oft sind ihre Mitglieder in Deutschland aufgewachsen –  tatsächlich nicht, dass Autobahnen zu blockieren und mit Schreckschusswaffen in der Öffentlichkeit herumzuballern nicht im Rahmen der Gesetze liegen? Oder ist es ihnen einfach egal?