Töte! – Täter von Villeurbanne bei Lyon gab an, Stimmen gehört zu haben

Von und 2. September 2019 Aktualisiert: 2. September 2019 13:29
Der Täter von Villeurbanne bei Lyon hörte Stimmen, die ihm zu töten befahlen. Während Le Pen von "Naivität und Nachlässigkeit" in der Migrationspolitik sprach, erinnerte der sozialistische Bürgermeister der Stadt die Vorsitzende der RN daran, dass die Gewährung von Asyl für Menschen aus Konfliktregionen eine internationale Verpflichtung ist, die auch Frankreich respektiert.

„Überall war Blut“, schilderte eine junge Augenzeugin der Attacke an einer französischen Bushaltestelle in Villeurbanne unter Schock. Sie sagte der AFP:

Ein Mann an der 57 (Bus-)Haltestelle fing an, Menschen links, rechts und in der Mitte zu erstechen.“

(Augenzeugin)

Niemand sei gekommen, um zu helfen, weshalb sie sich auf eine Frau warf, „um sie zu schützen, damit er nicht wieder auf sie eindringt.“ Sie konnte der Frau schließlich in den Bus helfen. Weiter berichtete die Augenzeugin, dass einem Mann mit dem Messer „in den Kopf“ gestochen worden sei, einem weiteren Opfer habe der Täter „den Bauch geöffnet“.

Sofiane, ein Mädchen aus der Gegend, erzählte der AFP am Sonntag, dass der Tote, ein 19-Jähriger, der erste gewesen sei, der versucht habe, mit dem Messerstecher zu reden, berichtet „France24“. Der Mörder „stach auf ihn ein. Als er dann auf den Boden fiel, fuhr er fort“, so die 17-Jährige.

Acht weitere Personen wurden verletzt, drei davon lebensgefährlich. Zahlreiche Augenzeugen standen unter Schock.

Muslim mit Stimmen: Töte!

Der Täter, ein 33-jähriger Asylbewerber aus Afghanistan, kurzer schwarzer Bart, schwarzer Kapuzenpullover, rote Turnschuhe, kann schließlich von Passanten in die Enge gedrängt und zum Aufgeben überredet werden. Er wirft die Tatwaffen, ein Messer und einen Grillspieß, weg und hockt sich vor einem Fahrstuhl nieder.

Der Mann war offiziell mit zwei Identitäten gemeldet, hatte drei verschiedene Geburtsdaten. Demnach könnte er sowohl 27, 31 oder 33 Jahre alt sein. Darüber informierte Staatsanwalt Nicolas Jacquet am Sonntag auf einer Pressekonferenz in Lyon die Öffentlichkeit.

2009 sei der Mann erstmals in Frankreich eingereist und als Minderjähriger registriert worden. Anschließend reiste er nach Deutschland, Norwegen, Großbritannien und Italien. 2016 kam er nach Frankreich zurück. Hier erhielt er dann ein vorübergehendes Aufenthaltsrecht.

Wie „France24“ schreibt, hätte der Afghane laut dem Staatsanwalt in „verwirrten“ Polizeibefragungen gesagt, dass er Muslim sei und „Stimmen gehört habe, die sagten, dass Gott beleidigt worden sei und ihn anwiesen, zu töten“, so Jacquet, der anmerkte, dass der Fall als Kriminalfall und nicht als Terrorfall behandelt werde.

Psychotischer Zustand und Drogen

Die Attacke ereignete sich am Samstagnachmittag, 31. August, gegen 16.30 Uhr, an einer Bushaltestelle nahe der Metro-Station „Laurent Bonnevay“ in Villeurbanne, einer französischen Industriestadt am östlichen Stadtrand der Regionshauptstadt Lyon.

Die Anti-Terror-Staatsanwaltschaft beobachtet den Fall. Aktuell geht man jedoch von der Tat eines psychisch kranken Menschen aus. Zuvor war er weder der Polizei noch den Geheimdiensten bekannt. Letzten Ermittlungen zufolge soll der Mann in einem „psychotischen Zustand“ gewesen sein. Zudem soll er zuvor große Mengen Cannabis geraucht haben.

Politische Reaktionen

Marine Le Pen, Vorsitzende der rechtsgerichteten Partei Rassemblement National (Nationale Sammlungsbewegung), ehemals Front National, kritisierte auf Twitter:

Die Naivität und Nachlässigkeit unserer Migrationspolitik bedrohen ernsthaft die Sicherheit der Franzosen!“

(Marine Le Pen, RN)


Der Bürgermeister von Villeurbanne, Jean-Paul Bret, ein Mitglied der Sozialistischen Partei, sagte gegenüber RTL-Radio:

Es ist die klassische Reaktion der Rechtsextremen, die versucht, ein dramatisches Ereignis zu ihrem Vorteil zu nutzen.“

(Bürgermeister Bret, PS)

Er erinnerte Le Pen daran, dass die Gewährung von Asyl für Menschen, die vor Konflikten wie in Afghanistan fliehen würden, eine internationale Verpflichtung sei, die Frankreich respektiere.

Der Bürgermeister der Regionshauptstadt Lyon, ein Gründungsmitglied der Sozialistischen Partei in Frankreich und ehemaliger Innenminister, Gerard Collomb, besuchte den Tatort in Villeurbanne. Zum Motiv wollte er sich nicht äußern. Der Angreifer habe „recht plötzlich“ gehandelt, sagte Collomb vor Journalisten.

Lyon – Letzter Anschlag im Mai

Erst im Mai gab es in Lyon eine Explosion in einer Fußgängerzone in der Innenstadt. Dabei wurden 13 Personen – acht Frauen, ein Mädchen (10) und vier Männer – verletzt, glücklicherweise nur leicht. Der Täter hatte den Sprengsatz vor einer Bäckerei abgestellt. Wenig später flogen Schrauben, Nägel, Kugeln und Bolzen durch die Luft. Als Sprengstoff wurde in Lyon eine kleinere Menge an TATP verwendet, ein bei Dschihadisten beliebter Sprengstoff.

Während Marine Le Pen offen von einem „terroristischen Anschlag“ sprach, ruderte Lyons Bürgermeister Collomb noch in der Luft herum. Wie der „Tagesspiegel“ berichtete, hatte die Explosion den Sozialisten Collomb nach eigenen Worten überrascht. Man habe in einer ruhigen Stadt wie Lyon nicht mit solch einem Vorfall gerechnet, so Collomb, der gerade erst von einer Japan-Reise zurückgekehrt war.

Als man den Täter, einen 24-jährigen algerischen Studenten, später fasste und vernahm, gestand der Mann die Tat und gab an, dem IS die Treue geschworen zu haben.

TATP wurde auch während der Pariser Anschläge im November 2015 verwendet. Laut dem „Tagesspiegel“ wollte auch Anis Amri ursprünglich einen TATP-Sprengstoffanschlag verüben. Letztlich raste er im Dezember 2016 dann doch mit einem LKW in den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz.

Seit 2015 wurde Frankreich von einer Welle islamistischer Terroranschläge überzogen. Hunderte Menschen wurden bereits ermordet.