Projekt Hitzeschutz „gelungen“ – Lauterbach-Tweet sorgt für Empörung

Mit einer Reihe von Schutzmaßnahmen sollten Hitzetote vermieden werden. Nun geben Schätzungen des Robert Koch-Instituts Anlass zur Diskussion – angeheizt von einem Tweet des Gesundheitsministers.
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach stellt in Berlin den Hitzeschutzplan vor.
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach stellte am 28. Juli in Berlin den Hitzeschutzplan vor.Foto: Britta Pedersen/dpa
Von 1. Oktober 2023

Schulterklopfen im Bundesgesundheitsministerium. Einem Tweet von Karl Lauterbach (SPD) zufolge war das Projekt „Hitzeschutz“ erfolgreich. Die Anzahl der Hitzetoten im Jahr 2023 sollte unter 4.000 gesenkt werden. „Das ist uns gelungen“, freut sich der Minister. Besonderer Dank gelte allen Pflegekräften, dem Pflegerat sowie dem Deutschen Hausärzteverband für seine Teamarbeit. „Viele Leben gerettet“, so das Fazit des Ministers. Die Zahlen beruhen auf Schätzungen des Robert Koch-Instituts, der obersten staatlichen Gesundheitsbehörde.

Anlass zu diesem Tweet war ein Beitrag im „Spiegel“, der wie andere Medien titelte: „RKI meldet mehr als 3.000 Hitzetote in Deutschland im Sommer 2023“. Wie das RKI jedoch selbst mitteilt, führt in den meisten Fällen eine Kombination aus Hitze und bestehenden Vorerkrankungen zum Tod.

„Daher wird Hitze auf dem Totenschein normalerweise nicht als die zugrunde liegende Todesursache angegeben“, so das RKI in seinem jüngsten Wochenbericht.

Das hält die Behörde jedoch nicht davon ab, die Vorerkrankungen als Todesursache aufzunehmen. Ein ähnliches Prinzip konnte man auch bei den Corona-Todesfällen beobachten. Schon im Frühjahr 2020 wurde bekannt, dass Verstorbene als Corona-Tote in die Statistik einflossen, sobald bei ihnen der Corona-Test im Labor positiv ausfiel. Dies galt selbst dann, wenn eine Gewalteinwirkung zu ihrem Tod geführt hatte – oder ein Fallschirmsprung.

Die geschätzten Zahlen des RKI

Da keine greifbaren Daten vorliegen, müsse das RKI statistische Methoden anwenden, um das Ausmaß hitzebedingter Sterbefälle abzuschätzen, erklärt das Institut. „Das hier verwendete Modell zur Schätzung hitzebedingter Sterbefälle kombiniert Mortalitätsdaten des Statistischen Bundesamtes und Temperaturmessungen des Deutschen Wetterdienstes.“

Für das Jahr 2023 wurden bislang auf diese Weise 3.100 Hitzetote geschätzt. Aus den Zahlen des RKI wird deutlich, dass vor allem ältere Verstorbene in die Datenerhebung zu den Hitzetoten eingepflegt werden. Mit zunehmendem Alter wächst ihre Anzahl im Hitzetod-Berechnungsmodell.

Die folgende Tabelle beruht auf den Daten des RKI-Wochenberichts vom 28. September, der „Schätzungen der hitzebedingten Sterbefälle im Zeitraum der Kalenderwochen (KW) 15 bis 37/2023“ umfasst.

Alter gesamt weiblich männlich
unter 65 140 40 90
65–74 380 140 240
75–84 860 400 460
85+ 1.800 1.090 660

Bei genauer Betrachtung der Zahlen fällt auf, dass die Summe der Verstorbenen in den jeweiligen Altersgruppen 3.180 ergibt. Wenn man nach Frauen (1.670) und Männern (1.450) trennt, berechnen sich insgesamt 3.120 Hitzetote. Das RKI ermittelte kumulativ 3.100 Todesfälle mit 95-prozentigem Prädiktionsintervall.

Auf der RKI-Website heißt es in dem Wochenbericht: „Um den Schätzcharakter zu betonen, wird die geschätzte Anzahl hitzebedingter Sterbefälle auf die Zehnerstelle gerundet angegeben. Daher stimmen die Summen nur in etwa mit den Gesamtwerten überein.“

Dass mehr Frauen als Männer als Hitzetote aufgeführt sind, begründet das RKI mit einem hohen Frauenanteil in den älteren Altersgruppen.

Voraussichtlich im Herbst soll es nach Angaben des RKI eine zusammenfassende Bilanz zum Sommer 2023 geben.

Kritik und Ironie im X-Kanal

Dass der Gesundheitsminister in Anbetracht des vergangenen Sommers den geschätzten RKI-Zahlen überhaupt einen Tweet widmet und dies noch als erfolgreiches Projekt bezeichnet, brüskiert die User vom X-Kanal.

Einer schreibt: „Es war halt ein ganz normaler schöner Sommer.“ Gerichtet an Lauterbach fügt er hinzu: „Und Ihre Rechnung, viele als Hitzetote zu deklarieren, ist offensichtlich nicht aufgegangen. Vielleicht fangen Sie mal an, Ihren Job als Gesundheitsminister zu machen. Corona war es nicht, die Hitze war es nicht, aber wir haben ein marodes Gesundheitssystem.“

Jemand kommentiert: „Naja, bei dem kalten und verregneten Sommer ist das eine Meisterleistung […] haben Sie eigentlich irgendwelche Daten darüber, dass gerade IHR Hitzewitzplan dafür verantwortlich ist?“

Eine Userin fragt Lauterbach, wie viele Menschen „bei dem kack Sommer erfroren“ seien. Sie jedenfalls habe seit zwei Monaten die Heizung eingeschaltet. Andere nehmen den Tweet des Ministers zum Anlass, seinen Rücktritt zu fordern.

Ein anderer spielt auf die Statistik der Corona-Todesfälle an und fragt: „Wird man auch als Hitzetoter gezählt, wenn man bei über 30 Grad mit einem Fallschirm verunglückt?“

Ein User stellt – untermauert mit einem Bild, das einen Marmorkuchen zeigt – folgende Behauptung auf: „Ich habe im Mai ’23 einen Kuchen gebacken, um die Zahl der Hitzetoten 2023 unter 4.000 zu senken. Das ist gelungen. Mein Kuchen hat somit viele Menschenleben gerettet, da man sich in TeamWissenschaft™ bei einer Korrelation selbst die Wunschkausalität aussuchen darf.“



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