Fliegen ohne schlechtes Gewissen? Berliner Unternehmen verkauft „Kompensation“ an Fluggäste und Kreuzfahrer

Von 26. Juni 2019 Aktualisiert: 26. Juni 2019 7:57
Im Mittelalter wurde der Ablasshandel der Katholischen Kirche, also der Loskauf von Sündenstrafen, zum Treiber der Reformation. Heute im Zeitalter der "Klimasünde" billigt auch die Evangelische Kirche das Prinzip "Gutes Geld für gutes Gewissen". Das Unternehmen atmosfair nimmt auf diesem Wege Millionen an Spenden ein.

Die Katholische Kirche hat mit den Sakramenten der Buße und Beichte ein bewährtes System geschaffen, um Menschen, die sich ob des Begehens von Sünden und Verfehlungen von ihrem Gewissen belastet fühlen, die Möglichkeit zu bieten, diese vor Gott einzugestehen und um Vergebung zu bitten.

Im Fall der Buße wird den Gläubigen nach gemeinsamem Sündenbekenntnis vom Priester eine generelle Absolution erteilt, die Beichte findet in Form eines Vier-Augen-Gesprächs statt. Im Regelfall erteilt der Priester bei aufrichtiger Reue des Pönitenten eine Absolution, im Gegenzug trägt er diesem die Verrichtung bestimmter Gebete oder gottgefälliger Werke auf. Die „Tarife“ sind regelmäßig fair: Selbst bei Gläubigen, die jahrelang nicht mehr bei der Beichte waren, ist es häufig mit drei „Vater unser“ und allenfalls noch einem oder zwei „Gegrüßet seist Du, Maria“ getan.

So günstig kamen Sünder nicht immer davon, insbesondere nicht in früheren Zeiten. Im Mittelalter entdeckten findige Kleriker jedoch eine Option, aus dem schlechten Gewissen der Gläubigen auch in eigener Sache Vorteile erlangen zu können. Der Ablassbrief ward geboren, den vom Papst beauftragte Bischöfe oder Kardinäle ausstellen konnten und die den Nachlass von zeitliche Sündenstrafen verbrieften, die vom Sünder auch nach seiner Umkehr zu verbüßen wären – also keine Absolution von den Sünden selbst, aber die Möglichkeit, Strafen abzulösen.

Diese schienen auch bei Sündern beliebt zu sein, immerhin entwickelten sie sich am Ende regelrecht zum Wertpapier, das gehandelt werden konnte – bis Papst Pius V. diesen bei Strafe der Exkommunikation untersagte. Da hatte allerdings Martin Luther schon längst seine 95 Thesen angeschlagen, der den Ablasshandel als besonders augenfälligen Missstand in der Kirche ansah.

Klima-Erbsünde und Ablass 2.0

In einer aufgeklärten Zeit wie der heutigen gehen nur noch wenige Menschen in Deutschland zur Beichte – und noch weniger glauben an die Wirkmächtigkeit von Ablassbriefen. Nachdem sich allerdings mehrere von der säkularen intellektuellen Elite ersonnene Versuche, sich selbst und die Welt mittels der Schaffung totalitärer Staatswesen von vermeintlichem oder tatsächlichem Elend in Eigenregie zu erlösen, recht durchwachsene Bilanzen hinterlassen hatten, ist auch der Gedanke an die eigene Sündhaftigkeit wieder in die westliche Welt zurückgekehrt.

Die Sünde besteht jedoch nicht mehr in einem Verstoß gegen Gottes Gebote – für so viel an Selbstbehauptungswillen des aufgeklärten Bürgertums muss schon Raum bleiben. Referenzgröße für die Definiton, Bemessung und Ahndung sündhaften Verhaltens ist das „Weltklima“ – und die neue Erbsünde besteht darin, dass jeder Mensch bereits beim Ausatmen das hochgefährliche, klimatoxische Giftgas CO2 emittiert.

Dass es für dessen Ausstoß eine Form der zeitlichen Sündenstrafe geben muss – die Ewigkeit ist ja keine konsensfähige Kategorie mehr –, ist ein mittlerweile auch von der Evangelischen Kirche anerkannter Konsens. Die Streitfrage bleibt nur noch, in welcher Form die Sühne für den eigenen CO2-Abdruck zu leisten wäre, wobei eine CO2-Steuer im Raum steht oder aber die Ausweitung des Zertifikathandels, der eine zeitgenössische Adaption des Ablassbriefes gleichkommt.

Im Vorjahr 9,5 Millionen an Spenden eingeworben

Eine andere Form des Ablasses, der nicht erst der stringenten Regulierung und staatlichen Ausgabe bedarf, bieten nun private Anbieter wie das Unternehmen „atmosfair“ an. Der „Tagesspiegel“ zitiert Sprecherin Julia Zhu mit den Worten:

Wir müssen umdenken und einen neuen Lifestyle-Code auch unter Jugendlichen anregen, bei dem es nicht mehr als hip und cool gilt, sich mit dem Cocktail in der Hand irgendwo weit weg auf dem Selfie zu posten.“

Mit anderen Worten: Da der bevorzugte Lebensstil der gebildeten urbanen Oberschicht, die einen Großteil der Wählerschaft von Bündnis 90/Die Grünen stellt und fast zur Gänze den Teilnehmerkreis von „Fridays for Future“, CO2-intensiver ist als die eigene Doktrin erlaubt und Mahnungen zum „Verzicht“ erst einmal an die eigenen Mitbürger und nicht an sich selbst adressiert sind, bedarf es eines Tools, um das eigene Gebaren zu rechtfertigen.

Die gemeinnützige GmbH atmosfair bietet deshalb Fluggesellschaften, Reiseveranstaltern und Reisenden die Möglichkeit, den auf Reisen entstandenen CO2-Ausstoß zu kompensieren. Das sei zwar kein „Allheilmittel“, aber es könne einen „sinnvollen Beitrag zum Erreichen der Klimaziele darstellen“.

Im Jahr 2017 nahm das Unternehmen auf diese Weise bereits 6,8 Millionen Euro an Spenden ein, im Vorjahr bereits 9,5 Millionen – und der Greta-Effekt könnte den Einnahmen im laufenden Jahr einen weiteren Boost verleihen.

Weniger als ein Prozent macht mit

Das Prinzip beruht ähnlich wie die „Klimaforschung“ selbst auf Computermodellen. Im Fall der „CO2-Kompensation“ berechnet das Computerprogramm jedoch für jedermann, der auf der atmosfair-Webseite seine Daten eingibt, einen „Klimaschutzbeitrag“, der je nach Flugstrecke und Kategorie variiert, da im Schnitt 178 Kilogramm an CO2-Emissionen beim Flug mit der Economy Class, jedoch 444 Kilogramm bei der First Class anfielen. Bei einem Flug von Berlin nach New York würde etwa ein Beitrag von 153 Euro anfallen – für die Eis-begeisterte Katharina Schulze oder „Fridays for Future“-Galionsfigur Luisa Neubauer Peanuts, die aber doch eine Klimasünde zur Großtat veredeln.

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Immerhin baut sich der atmosfair-Vorstand mit dem gespendeten Geld ja keine mondänen Wohnstätten wie Al Gore oder Bernie Sanders, sondern wählt Projekte in aller Welt aus, die dem „Klimaschutz“ dienen sollen. Auch für Kreuzfahrer besteht mittlerweile die Ablass-Option.

Der Glaube ist allerdings in der Zielgruppe noch nicht in dem Ausmaß gefestigt, wie sich die Anbieter das wünschen würden. Derzeit seien es deutlich unter einem Prozent aller Privat- und Geschäftsreisenden, die Kompensation bezahlen, um „den Ausstoß des Treibhausgases wenigstens an anderer Stelle zu vermeiden“. Eine halbe Million Flugreisen im Jahr geht demnach erst mit Kompensation durch Passagiere oder Reiseanbieter vonstatten.

Für alle anderen gilt weiter frei nach Dominikanermönch Johann Tetzel: „Auch wenn kein Geld im Kasten klingt, der Fluggast in den Sessel springt.“

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.